Über Wadis und Plateaus

27. February 2019 0 By The Hikergirl

Nachdem ich ja bei der Familie, der die Pferde gehören übernachten durfte, hat sich schnell rumgesprochen das „a white crazy girl“ im Dorf ist. 😂 Nachbarn klopfen an der Tür und vor allem Kinder kommen hereinspazierst, um zu schauen wer ich bin und wie ich aussehe.
Ein Nachbar fragt mich, ob ich ihm bei einem Computer Problem helfen kann. Klar kann ich das! Das Problem war wirklich leicht zu beheben und nach einem kurzen Plausch bin ich in Aufbruchstimmung.

In Jordanien ist gerade Frühling. Noch regnet es ab und zu. Man könnte meinen, dass sich hier alle über Regen freuen. 

Im großen und ganzen stimmt das auch, jedoch bedeutet Regen auch immer Gefahr! Durch die geographische Beschaffenheit ist es so, dass bei einem Regenguss sich die engen und tiefen Schluchten innerhalb weniger Minuten oder Stunden mit Wasser füllen können. Aus den Wegen, die ich beschreite werden reißende Ströme. Deswegen ist eine der wichtigsten Regeln auf dem Trail: 

Schlafe niemals in den Wadis! 

Ein Wadi ist das hiesige Wort für solch ein Tal. “Suche dir immer ein Plateau!”, raten mir alle Beduinen, mit denen ich am Wegesrand rede. Diese Menschen leben draußen und man erkennt das nicht nur an den wettergegerbten Gesichtern. Die Menschen hier wissen ganz genau, auf was sie achten müssen und ich erfahre heute häufiger, dass sich starker Regen ankündigt. Manche reden sogar von Schnee. 

Ich nehme solche Aussagen natürlich ernst, sehe aber auf meinem Weg nach Petra keine gute Möglichkeit, diese Regel gewissenhaft umzusetzen. Also plane ich um, verlasse das Gebirge und laufe nach Westen, mitten in die Wüste Araba – so steht es zumindest auf einem Straßenschild, welche hier freundlicherweise meistens auf arabisch UND englisch beschriftet sind.

Ein paar Kilometer auf der Straße trampe ich bei einem Pärchen mit, welches offensichtlich gerade einkaufen war. Die beiden überschütten mich mit jordanischen Süßigkeiten und Keksen, wir machen ziemlich viele Witze. Die Beiden sind verheiratet und leben in einem Dorf zwischen Petra und dem toten Meer. Ich finde sie deshalb so sympathisch, weil die typische Rollenverteilung für sie nicht gilt. Die Frau sitzt am Steuer. In Jordanien ist das wirklich sehr unüblich, das Land vermittelt zwar die Botschaft, dass jede Person in Jordanien frei ist, zu tun und zu lassen was sie möchte, aber gerade in den ländlichen Gegenden herrscht noch eine sehr altmodische und klassische Rollenverteilung gegenüber Frauen. Beduinen interessiert das jedoch nicht! Generell scheren Beduinen sich nicht sonderlich um die gesellschaftliche Norm die in diesem Land gilt. Ich frage den Mann ob er Muslim sei, darauf hin lacht er und sagt, schmatzend, er wäre bestimmt der schlechteste Muslim aller Zeiten. Das letzte mal sei er vor 3 Jahren in einer Moschee gewesen. Er lebt in der Wüste und er glaubt an die Natur – an das was er sehen, riechen, fühlen und schmecken kann. 

Die beiden setzen mich in der Wüste angekommen an meinem Wunschplatz ab. Wir verabschieden uns fröhlich voneinander und ich schaue ihnen noch nach, bis sie in einer Staubwolke verschwunden sind.

Ich grinse nochmal vor mich hin und freue mich über diese Begegnung, drehe mich um um meinen Weg fortzusetzen und bleibe erstmal stehen um das, was ich sehe auf mich wirken zu lassen. Ich habe in Peru zwar schonmal Wüste gesehen, aber es ist absolut nicht vergleichbar mit dem Moment, wenn man zum ersten mal in seinem Leben vor wirklich endlosen weichen Sanddünen steht und bis zum Horizont nichts anderes sehen kann als Sand. 

Sand. Sand. Sand. – soweit das Auge reicht. Ohne Weg. Ohne Spuren – Nichts!

Etwas eingeschüchtert davon, setze ich meinen Fuß von der Straße, ich atme tief durch und mache den nächsten Schritt. Mir ist klar: Hier darf ich keine Fehler machen. Wenn ich mich hier verlaufe, ist das lebensgefährlich! Die Überwindung und das mulmige Gefühl werden dennoch schnell abgelöst von einem Gefühl grenzenloser Freiheit. Als ich auf der ersten wirklich großen Sanddüne stehe, schaue ich noch einmal zurück. Die Straße zieht sich wie ein dünner Faden durch den riesigen Sandkasten. 

Nach einer Weile fühlt es sich schon beinahe normal an, ich muss mich beherrschen nicht übermütig zu werden und die Schuhe auszuziehen, weil ich so gerne Barfuß laufen würde – Sollte man sich aber in Anbetracht von Skorpionen und Schlangen die hier leben verkneifen! Ich entdecke viele Spuren von Schlangen! Durch die Bewegungen die die bei ihrer Fortbewegung machen, malen sie lauter kleine “S” in den Sand. Meistens enden die unter Steinen, vor einem vertrocknetem Gestrüpp – manchmal aber auch unter irgendetwas, was mal jemand achtlos hier weg geworfen hat…

Jordanien hat definitiv ein Problem mit Umweltverständnis! Was ich hier alles an Zeug entdecke, was nicht hierhin gehört ist wirklich unfassbar. Sogar eine Mikrowelle liegt herum! Wütend darüber brabbel ich vor mich hin, schimpfe und bespreche das mit mir selbst. Landschaften dieser Art, sorgen schnell dafür, dass man ein wenig sonderbar wird. auf mich zumindest, trifft das zu! Ich habe mal versucht, mir dieses Phänomen in Patagonien zu erklären. Dort gibt es Gegenden die ähnlich sind – und dort wo nichts ist, hast du keine Fixpunkte für das Auge, keine Geräusche oder andere Dinge an denen du dich mit deinen Sinnen festhalten kannst. Dort wo nichts ist, kannst du nur mit Phantasie und dir selbst die Leere füllen. Du musst dich entscheiden zwischen ganz kleinen Details und dem Gesamtbild. Dieses Gefühl ist merkwürdig und in diesen Stunden passiert das, weshalb ich und viele andere (Thru)Hiker rausgehen:

Man betritt nicht nur unbekanntes Terrain – sondern auch seine Seele.

Zum Abend werde ich mit einem bombastischem Sonnenuntergang belohnt. Spektakulär ist dabei nicht nur der Sonnenuntergang an sich, sondern der Blick in die Berge, aus denen ich herkomme. Die Regenwolken hängen schwer über den Sandsteinen und die untergehende Sonne taucht alles in orangenes Licht. Es sieht beinahe so aus als würde der Himmel brennen. Zudem habe ich mein Zelt mal wieder an einer tollen Stelle aufgebaut und etwas ausprobiert. In einer Sanddüne, die etwas windgeschützter war, habe ich vor dem Aufbau in den Boden eine Kuhle für meine Schultern und meine Hüfte gegraben. Prustend und lachend liege ich mehrmals probe und baue mein Zelt passend zu meiner, in den Sand gegraben Liegefläche, auf. Ich habe jetzt das ergonomischste Bett, was jemals ein Hiker hatte! Das ist definitiv eine meiner guten Ideen, die ich hier ausprobiere und ich schlafe auch wirklich wie ein Baby.

Vorher bewundere ich aber noch klarsten Sternenhimmel, den ich jemals gesehen habe.

"...Und dann braucht man ja auch noch Zeit einfach nur dazusitzen und vor sich hinzuschauen!"
Astrid Lindgren
Autorin