Schleichwege

26. February 2019 0 By The Hikergirl

Der Tag beginnt mit einem verrückten Hund, den ich mit meinem Trekkingstock regelrecht verprügeln musste, damit er mich nicht beißt! So einen Hund habe ich noch nie getroffen und ich hoffe auch sehr, dass sich das nicht wiederholt! Wie eine Verrückte stoße ich ihn mit meinem Trekkingstock von mir weg und brülle ihn an was das Zeug hält. Nachdem ich ihn vertrieben habe, gehe ich mit etwas Herzklopfen weiter und kann mir (noch) nicht erklären, was mit dem los war und was der Hund alleine hier in der Wüste zu suchen hat!

Die Navigation stellt mich vor eine komplett neue Herausforderung. Wege gibt es nämlich nicht wirklich. Ich glaube der Jordan Trail ist ein Mythos. Eigentlich gibt es gar keinen Jordan Trail! 

Das sind dann irgendwelche Beduinen Schleichwege, die man meiner Meinung nach gar nicht erkennt. Ich laufe einfach querfeldein, klettere riesige Plateaus hoch und wieder runter. Zwischendrin sind die Kletterpassagen wirklich verrückt, ich denke oft an Helme. Der Sandstein ist sehr rau und porös, da bricht auch mal was ab… Klettern kann ich ohnehin nicht so gut – also geh ich lieber öfter auch mal 3 km zurück und probier einen anderen Weg aus – oder kletter halt doch und überwinde meine Angst!


Meine Hose hat einen riesigen Riss, weil ich eine ausgewaschene Felsspalte runtergerutscht bin und meinen Rucksack musste ich  mehrmals vorneweg werfen – sonst hätte ich nicht durch die Felsspalte gepasst. Die letzten 2 Meter bin ich einfach diese Felsspalte runter, auf meinen Rucksack gesprungen. 😂

Um so tiefer ich in das Gebirge eintauche umso häufiger entdecke ich Teile von alten Treppen, kleine Höhlen, in die Berge gehauene Fenster, Nischen und viele andere Dinge, welche an eine Kultur aus längst vergangenen Zeiten erinnern. Es ist sehr ruhig hier und manchmal, wenn man ganz leise ist, hört man den Wind durch eines dieser Fenster pfeifen. Es hat etwas wunderschönes und gleichzeitig auch trauriges und verlassenes an sich. Mit jedem Schritt Richtung Petra fühle ich mich mehr und mehr aufgesogen von dieser Landschaft. Sie reißt mich mit und zieht mich richtig in den Bann.

Ich finde diese Umgebung total faszinierend und bin wirklich begeistert!


Irgendwann komme ich an einem größerem Gebäude an, welches in eine großen runden Felsen gehauen wurde. Ich setze mich dort hinein, esse zu Mittag und überlege, angestrengt über meiner Navigations-App gebeugt, wie ich jetzt am besten gehe. alle Wege sehen irgendwie creepy aus. Ein Beduine mit 3 Pferden im Schlepptau grüßt mich und fragt ob alles ok ist. Ich frage ihn, welchen Weg er nehmen würde und er meint er kennt den besten Weg – dieser ist aber so kompliziert, dass er nach 10 Minuten sagt: „Ok rauf aufs Pferd sonst dauert mir das zu lang hier!“
Das Pferd ist auch nett – der Weg aber nicht 😂
Ich falle an einer Stelle, an der das Pferd (für mich unerwartet) einen großen Satz macht und hab richtig Glück. In einer Ebene in der nichts liegt außer Geröll und große Steine bin ich in den Sand gefallen und nicht auf Steine. Nachdem ich mich wieder einigermaßen fange, bleibe ich dennoch etwas zittrig. Der Beduine kaut auf einem Ast herum und meint nur ganz trocken: „Wenn du jetzt nicht aufs Pferd steigst, wirst du für immer Angst davor haben, zu reiten.. also wieder rauf aufs Gaul!”

Da ich ein Fan davon bin, mit Ängsten rational umzugehen, pflichte ich ihm bei, atme tief durch und mein vierbeiniger Buddy und ich versuchen es ein zweites Mal – dieses Mal ohne Unfall. Ich habe das Gefühl, dass das Tier nun besonders vorsichtig geht und nach kurzer Zeit vertraue ich ihm wieder.


Werd ich trotzdem vorerst nicht machen – und wenn es hundert Jahre dauert, den richtigen Weg zu finden! 

Im Verlauf des weiteren Weges, erfahre ich von meinem Weggefährten etwas über die Geschichte dieser Gegend. Petra ist riesig! Wir befinden uns schon in dem Areal, welches früher zur Stadt gehörte. In den nördlichsten Teil der Stadt verirrt sich bloß kein gewöhnlicher Tourist hin. Die eine Hälfte findet es zu gefährlich und die andere Hälfte weiß nichts davon, dass sich das Gebiet weit über den UNESCO-Teil hinausstreckt. Wir reiten durch enge Schluchten, weggebrochene Säulen liegen herum, wir entdecken halb ausgewaschene und verzierte Höhleneingänge und wenn man ganz genau hinschaut sieht man auch nur teilweise fertiggestellte Gebäude und zerbrochene Skulpturen. Auf einmal steigt der Beduine von seinem Pferd und zeigt auf eine Stelle an einem Felsen, in der ungefähren Höhe von 4 Metern: “Da oben ist eine ganz besondere Höhle, willst du die sehen?” 

Noch weiß ich nicht, was daran besonders ist, freue mich aber nach einer kleinen Klettereinheit sehr darüber, dass ich es sehen wollte! Die Höhle ist sehr verwittert. Die Wände sind nicht mehr gerade, sondern teilweise ausgewaschen und rund geworden. Wortlos zeigt mein Guide zur Decke, welche bemalt ist. Es fehlen schon viele Stellen und teilweise sind die Motive schwer zu erkennen – aber sie sind noch da! Die gesamte Decke war mal bemalt, Blumen, Blätter und verschiedene Tiere verzieren, in immer noch leuchtenden Farben, Teile der Decke.

“So sahen die Gebäude früher häufiger aus!”, sagt er, “Aber durch die Wetterbedingungen und vor allem durch Menschen sind eigentlich alle Malereien kaputt gegangen und verschwunden! Diese Höhle hier ist die einzige die ich kenne, die noch bemalt ist. Wir zeigen sie nur sehr wenigen Leuten.” 

Ich bin ganz still und lasse das einfach auf mich wirken. Vor 3000-2000 Jahren hat hier irgendwer, mit viel Liebe zum Detail, diese Bilder an die Wand und an die Decke gemalt. Und das letzte bekannte dieser Bilder, sehe ich gerade an. “Das da sieht aus wie ein kleiner dicker Engel!”, sage ich und zeige auf etwas, was – so vermute ich – einen Menschen darstellen soll. Der Beduine fängt prustend an zu lachen und sagt, dass sei das lustigste, was er dazu je gehört hat, aber er glaubt, es ist nur ein ganz fürchterlich missratenes Kamel, wo ein Stück vom Motiv fehlt. “Führst du öfter mal Leute hierher?”, frage ich “Nö!”, sagt er ohne zu zögern “Das will ich nicht, aber ich finde du bist irgendwie kein normaler Tourist – ich mein du willst bis nach Aqaba laufen. Du bist verrückt!”. Ich lache und sage: “Die meisten verirren sich ja auch nicht hierhin!”,  wir lachen beide darüber, dass ich offenbar  verrückt bin und dass viele Touristen mit Scheuklappen durch die Welt laufen – was in dem Fall wichtig und gut so ist! Ich habe versprochen, diesbezüglich die geographischen Daten für mich zu behalten, weshalb ich hier ganz bewusst auf ein Bild davon verzichtet habe – auch wenn ich welche gemacht habe.

Jedenfalls reiten wir nach diesem Erlebnis zu der Familie des Beduinen nach Hause und die ganze Familie, der das Pferd gehört, ist total „ashamed about that accident“!

Jetzt schlaf ich bei denen im “Gästezimmer”. Also in einer Gästehöhle vielleicht, ich weiß nicht wie man so etwas nennt. Somit hat sich die Sache mit dem Übernachten wie prophezeit ergeben… Alles ist möglich in Jordanien. Hier wird nichts groß geplant, ich habe das Gefühl, Dinge passieren einfach so wie sie sein sollen!

Mit der Schwester von dem Beduinen tausche ich meinen Schal gegen ihren – sie ist hin und weg – Und ich hab jetzt n echten Beduinen Schal!