Der Uhrmacher

3. March 2019 0 By The Hikergirl

Ich habe lange überlegt ob ich das mit in den Reisebericht rein nehmen soll, bin jetzt aber zu dem Entschluss gekommen, dass auch das zum Reisen gehört und eben nicht alles Friede Freude Eierkuchen ist:

 

Meine Nacht war so gegen 3 Zuende.
ich werde nachts davon wach, dass ich ungebetenen Besuch habe und mich irgend ein Typ unter meinem Schlafsack anfasst. Ich habe keine Ahnung, wo der herkommt, zu der Familie, die auf diesem Hof lebt gehört er nicht – jedenfalls ist er mir gestern im Laufe des Tages nicht aufgefallen und ich bin mir sehr sicher, ihn dort nicht gesehen zu haben.

Details zum genauen spare ich mir jetzt, meine Eltern kennen nur die abgespeckte Version und das ist auch gut so!

Ich raste natürlich richtig aus, packe meine Sachen zusammen und stopfe einfach alles schnell irgendwie in den Rucksack, während ich ihn aufs übelste beschimpfe. Das Grundstück ist von einer Mauer umgeben und das Tor ist abgeschlossen. Der Typ weigert sich, dass Tor zu öffnen. Er stammelt herum, entschuldigt sich und beteuert, dass er mich ja garnicht anfasse wollte. Ja ist klar, und warum bin ich dann davon wach geworden, weil ich seine Hand zwischen meinen Beinen gefühlt habe? Wütend halte ich ihm mein Messer unter die Nase und zische ihn an, dass er mich jetzt in ruhe über das Tor klettern lässt und wenn ich noch einmal seine Hand irgendwo an mir spüre, wird es das letzte mal sein, dass er seine Hände vernünftig benutzen kann. Das zieht und er geht einen Schritt zurück. “Geh weiter weg!”,  brülle ich ihm hinterher. Er gehorcht und ich klettere über das Tor und verschwinde in die Nacht.

Eine viertel Stunde später höre ich Motorengeräusche. ich schalte mein Licht aus und verschwinde hinter Felsen. “Er fährt mir wirklich mit dem Auto hinterher, was für ein kranker Spinner!”, denke ich mir und suche zitternd auf meinem Handy die nächste Straße. Die ist nicht weit und ich befinde mich sogar auf dem richtigem Weg.

Naja nachts um drei ist natürlich nicht so viel los – und mein Rücken tut auch weh – Der Sturz vom Pferd war doch fieser als gedacht. Ich laufe sehr schnell, renne fast und erreiche die Hauptstraße nach einem 20-minütigem Marsch querfeldein.

Noch weiß ich nicht genau, was ich hier auf dieser Straße will und beschließe ihr einfach zu folgen, bis ich etwas sehe, wovon ich denke, dass es mir etwas nützt. Zum Glück wird es hier ziemlich früh hell und gegen halb 5 Uhr morgens erkennt man seine Umgebung schon recht gut. Ich laufe ohne  Licht – falls der Spinner in seinem Auto zurück kommt! Es fuhr auch ein Auto an mir vorbei. Ich bin mir sicher, dass es jemand anderes war, aber da ich das von weitem nicht erkannt habe, habe ich mich trotzdem vorsichtshalber versteckt und die potenzielle Hilfe fuhr, ohne mich zu bemerken, an mir vorbei.

Auf meinem Weg weiter an der Straße entlang, sammel ich die ganzen Hunde in der Umgebung ein. Sie rennen mir zähnefletschend und bellend hinterher. 
Leider sind das keine netten Hunde. Ich glaub so laut wie an diesem Morgen habe ich noch nie irgendetwas angebrüllt, Ich wusste nicht, was für eine Lautstärke ich doch haben kann 😂
Die Viecher sind wirklich verrückt, das ist echt nicht normal hier.

Ich mag eigentlich alle Tiere, aber diese Tiere sind so aggressiv und auch wenn ich noch ewig weit weg bin, kommen die mir schon bellend entgegen gerannt – andere Hunde folgen dann, fletschen die Zähne wie nur was und rennen mir ewig hinterher. Selbst Steine werfen schüchtert sie nicht ein, wenn mir eines der Tiere zu nah kommt hau und steche ich wie eine verrückte mit meinen Trekkingstöcken auf sie ein. Solche Viecher hab ich noch nie erlebt. Ich habe wirklich Angst und gefühlt renne ich um mein Leben. Jeder Atemzug tut höllisch weh, der Sturz vom Pferd macht sich jetzt deutlich bemerkbar. Aber Angst löst ungeahnte Kräfte frei und so renne ich, werfe Steine und Prügel mich mit Hunden. Irgendwann erkenne ich auf der anderen Straßenseite ein ein Tor und davor steht ein Auto! Die Beifahrertür steht offen. Ich springe über einen niedrigen Zaun, die Hunde springen ebenfalls, hechte zu dem Auto, springe mitsamt meinem Rucksack rein und knalle die Beifahrertür zu. Die Biester stehen um das Auto herum und kläffen mich wütend an. Ich schaue mich um. In dem Auto sitzt niemand. Ich nehme den Rucksack ab, was auf einem Beifahrersitz garnicht mal so leicht ist, werfe ihn auf den Fahrersitz und breche erstmal in Tränen aus. Das war eindeutig zu viel für mich. Meine Trekkingstöcke liegen vor dem Auto im Sand.

Während ich mich beruhige verschwinden die Hunde nach und nach und ich wundere mich darüber, dass auch niemand auftaucht, um nach seinem Auto zu sehen. SDa hat wohl jemand einfach vergessen die Tür zu zu machen – so ein Glück muss man erstmal haben!!!

Ich atme kurz durch, öffne die Beifahrertür wieder und erstarre vor Schreck. Ich habe den Alarm des Autos ausgelöst. Eine laute Sirene, verkündet, dass ich mich in ein offenbar abgeschlossenes Auto gesetzt habe. 

Das Tor öffnet sich und ein verschlafen drein blickender Mann kommt heraus und schaut mich mit gerunzelter Stirn an. Er legt verwundert den Kopf zur Seite und wickelt sich etwas fester in seinen Kamelhaar-Mantel ein. Ein typisches Kleidungsstück der Beduinen. 

Irritiert schaute er mich an und ich – etwas verheult sag nur, dass ich das erklären kann…
Er nickt, lächelt freundlich und gibt mir mit einer einladenden Armgeste zu verstehen, dass ich gerne reinkommen soll. Ich schließe die Autotür, das Piepen verstummt und reiche ihm die Hand. Ich glaub ich war noch nie so froh irgendjemanden zu sehen! 

“Sprechen Sie englisch?”, frage ich ihn und er schaut mich etwas belustigt an und sagt: “Natürlich spreche ich englisch!” Sein Englisch ist perfekt, nahezu akzentfrei. Er führt mich durch das Tor – was ganz toll aussieht – in das gemütlichste Beduinenzelt, was ich je gesehen habe. Es hat ein festes Steinfundament, ist mit Decken, Kissen und Teppichen ausgelegt. In der Mitte steht ein Ofen und auf dem Ofen pfeift ein kleiner Teekessel vor sich hin. Wir betreten eigentlich gerade das größte Wohnzimmer aller Zeiten, ich fühle mich sofort wohl hier und mein Puls fährt langsam runter. 

Der gute Mann stellt sich mir mit dem Namen Waleed vor und erzählt mir, dass er Uhrmachermeister ist. Er hat das in der Schweiz gelernt, insgesamt 16 Jahre in Europa gelebt. Stolz probiert er ein paar deutsche Wörter aus und ich muss lachen. Er hat Besuch von einem guten Freund, der ebenfalls im Zelt sitzt und noch ziemlich müde aussieht. Beide sprechen gutes Englisch, der Uhrmacher sogar ganz passables (Schweitzer) Deutsch und ich bin echt froh, genau so eine Person gefunden zu haben, die sich „europäisch benehmen“ kann. 

Er kümmert sich rührend um mein Wohlbefinden. Zuersteinmal gibt es Frühstück! Während dem Frühstück erzähle ich ihm alles, was mir passiert ist. Angefangen von dem Sturz vom Pferd, über diesen Freak, der mich ja dann offensichtlich noch mit dem Auto gesucht hat bis hin zu den Hunden. Bei den Hunden nickte er bedächtig: “Oh ja, die Hunde beschützen bloß die Ziegen! Die nehmen ihren Job manchmal etwas zu ernst!” Finster schaute ich ihn an und bleibe bei meiner Meinung, dass diese Hunde einfach gestört sind! Weit und breit habe ich keine Ziegen gesehen, ich bin nur an der Straße entlang gelaufen. Bezüglich meines Rückens sind wir alle derselben Meinung: Ein Arzt muss her! Als wäre es das normalste der Welt, fährt Waleed mich einfach dort hin.

Erst fahren wir zu seinem Hausarzt. Erst warten wir eine Weile, aber der Arzt taucht einfach nicht auf. Nach einer Weile erfahren wir, dass er wohl einen Autounfall hatte. Es ist nichts schlimmes passiert, aber er kommt heute halt nicht zur Arbeit, sondern muss sich um seine demolierte Karre kümmern. Wir warten bereits im Behandlungszimmer, welches mich von seiner Einrichtung her völlig fasziniert. Es ist alles total zusammen gewürfelt und ein bisschen erinnert es mich daran, wie ich als Kind Arzt gespielt habe. Genau so hätte ich damals ein Arzt Zimmer eingerichtet. Ich muss lachen. Waleed schaut mich grinsend an und sagt: „Dü bist aber eine Peschvougel“ 😂 Er kichert, steht auf und setzt sich in den Stuhl, auf der anderen Seite des Schreibtisches – dort wo der Arzt sitzt. Er nimmt das Telefon vom Arzt, wählt eine Nummer und ich höre ihn entschlossen mit jemandem am anderen Ende der Leitung diskutieren. Ich muss wieder lachen und stelle mir vor, wie ein deutscher Arzt reagieren würde, wenn man sich einfach an seinen Schreibtisch setzen würde und wild herum telefonieren würde. Die Arzthelferin, die reinkommt, findet das jedoch völlig in Ordnung und so knallt Waleed den Hörer auf und verkündet, dass uns das Krankenhaus erwartet. Wir verabschieden uns von der Helferin und verschwinden aus der Praxis.

Auf dem Weg zum Krankenhaus, erzählt Waleed mir lachend von dem Dialog am Telefon. “…und dann fragte die etwas irritiert „Entschuldigung wer sind Sie?“ Hahahahaha!” , Waleed heult fast vor Lachen.

Das Krankenhaus sieht aus, als wäre es noch garnicht fertig gebaut. Generell wirkt alles total provisorisch und besonders ordentlich gearbeitet wurde hier beim Bau des Gebäudes auch nicht. Nachdem meine Personalien aufgenommen wurden, darf ich mich sofort in ein Bett legen. Wie Piek Sieben sitz ich im Bett und schaue mich um. Ich sitze in einem Saal, voller Betten und ein paar davon sind belegt. Neben mir hat es sich eine Frau gemütlich gemacht, die ihr schniefendes Baby auf dem Arm hat. Wir unterhalten uns ein wenig. Sie ist hier, weil ihr Baby krank ist. Dass man sofort ein Bett zugewiesen bekommt, sei in Jordanien normal – wäre doch bequem, sagt sie abschließend. Der Umgang im Krankenhaus und die Art und Weise, wie mir geholfen wird, ist genau das Gegenteil von dem optischen ersten Eindruck, den das Gebäude vermittelt. Es untersuchen mich ein Arzt, ein Physiotherapeut und ein weiterer Arzt. Ich werde geröntgt, bekomme Spritzen in den Rücken, werde eingerenkt und bekomme eine Menge Tapes und Pflaster auf den Rücken geklebt. Jeder nimmt sich sehr viel Zeit mit mir zu reden, mir zu erklären was er gerade tut und was das Problem ist. Am Ende gehe ich mit ein Paar Medikamenten, einer Creme und einer genauen Diagnose. Ich hab mir eine fiese Rippenprellung zugezogen. gebrochen sei wohl nichts, das wäre aber knapp gewesen. Bei einer Stelle sei sich der Arzt nicht sicher, ob es nicht vielleicht doch ein ganz kleines bisschen angeknackst ist, aktuell sieht aber alles gut aus. 

Besonderen Dank hier an meine Krankenkasse. Diese hat mir eine “real-Time”-Kreditkarte im Rahmen meiner Versicherung zukommen lassen, mit der ich Behandlungskosten direkt bezahlen kann – In Jordanien funktioniert die allerdings nicht. Das ist natürlich sehr schlau, wenn man eine Versicherung für Jordanien abschließt und das explizit erwähnt. Da ich aber nur diese Kreditkarte mitgenommen habe und der Rest meines Portmonees bei Waleed zuhause liegt, stehe ich erstmal ziemlich blöd da. Waleed kümmert das nicht im geringsten, seelenruhig holt er sein Portmonee raus – und bezahlt.

Etwas mehr als 340 Dinar hat er ausgegeben. Das sind fast 400€! Stammelnd und völlig fassungslos bedanke ich mich, stehe da und kann das erst gar nicht glauben. “Gib mir das einfach zurück, wen du zurück in Deutschland bist. wir fangen jetzt hier nicht irgendeinen Kram mit der Versicherung an, das ist viel zu kompliziert!”. Immer noch völlig perplex steige ich mit ihm ins Auto ein und wir fahren zurück zu ihm nach Hause. Ich soll mich 1-3 Tage schonen und eine Pause einlegen. Waleed versichert mir, dass ich so lange bleiben darf, wie ich möchte und richtet mir ein eigenes kleines Zelt ein, wo ein richtiges Bett drin steht. Ich schlafe nach diesem aufregendem Morgen erstmal 5 Stunden wie ein Stein und den Nachmittag verbringen wir gemeinsam vor seinem gemütlichem Zelt und trinken Tee und spielen Backgammon. Wir schauen uns nochmal die Unterlagen vom Krankenhaus an – welche komplett auf arabisch sind und er versucht mir ein wenig die arabischen Schriftzeichen zu erklären. Auf einmal tippt er auf Zeichen, die offensichtlich mein Geburtsdatum darstellen und ruft erstaunt: “Oh wow – Du hast morgen Geburtstag!”, Stimmt ja, das hatte ich ganz vergessen. “ich LIEBE Geburtstage!” ruft er mit leuchtenden Augen! “Mach dir keine Sorgen, ich kümmer mich um alles!” “Na gut okay, wenn du möchtest!”, lache ich und verliere haushoch beim Backgammon Spiel…

Zum Abschluss möchte ich besonders hervorheben, dass dieser Tag und diese Erlebnisse zwar unschön sind, aber sie dennoch Erlebnisse sind, in denen man über sich selbst hinauswachsen und seine Grenzen verschieben kann! 

Ohne diesen Kontrast heute, wären auch die ganzen guten Dinge nicht geschehen!
Ich bin wirklich zutiefst beeindruckt von der Hilfsbereitschaft des Uhrmachers und kann gar nicht oft genug sagen, wie dankbar ich ihm bin!
Mir geht es soweit gut und ich bin mir ziemlich sicher, dass es mir morgen noch viel besser gehen wird!

Unangenehme Dinge passieren - es liegt an einem selbst, was man daraus macht!